23. Oktober 2015

Oskar Lafontaine: Das Saarland kann stolz sein auf „Joho“ und Richard Kirn

Plakate zur Saarabstimmung 1955

Heute vor 60 Jahren, am 23. Oktober 1955, wurde über das „Saarstatut“ abgestimmt. Dazu erklärt Oskar Lafontaine: „Ich habe die Abstimmung als Zwölfjähriger miterlebt. Natürlich haben wir in diesem Alter die politischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit nicht einordnen können und auch nicht wirklich verstanden. Am einprägsamsten für uns Kinder war der Slogan ‚Der Dicke muss weg‘. Dabei wussten wir, dass der Dicke, oder ‚Joho‘ wie ihn die Saarländerinnen und Saarländer nannten, in Teilen der Bevölkerung durchaus ein hohes Ansehen hatte und beliebt war. Aber die Franzosen hatten nach dem Kriege als ‚Besatzungsmacht‘ nicht immer glücklich agiert und stießen daher zunehmend auf starken Widerstand in der Saar-Bevölkerung. Selbst eine vorbildliche Sozialpolitik, die die beiden Hitler-Gegner Johannes Hoffmann (CVP – Christliche Volkspartei des Saarlandes) und Richard Kirn (SPS - Sozialdemokratische Partei des Saarlandes) gemacht hatten, hielt die Saarländerinnen und Saarländer nicht davon ab, für die ‚kleine Wiedervereinigung‘ mit der Bundesrepublik Deutschland zu stimmen. Die handelnden Personen der damaligen Zeit kann man nur verstehen, wenn man ihre Lebensgeschichte kennt. Johannes Hoffmann und Richard Kirn waren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und emigrierten. Kirn wurde von der französischen  Polizei verhaftet, an die NS-Behörden ausgeliefert und saß in Brandenburg im Zuchthaus. Beide kehrten nach Kriegsende in das Saarland zurück. Es muss für sie schmerzvoll gewesen sein zu erleben, dass in den deutschen Parteien auch ehemalige Nazis wieder nach politischen Ämtern strebten. Unter ihnen der Saarbrücker Rechtsanwalt Dr. Heinrich Schneider, der 1956 Landtagspräsident wurde. Er war unter anderem ‚Gausprecher‘ der NSDAP und als Nachfolger von Hans Globke Chef des Saarreferates im Reichsinnenministerium. Ein besonderer Fall war auch Dr. Ernst Albrecht, der als ‚Blutrichter‘ in Prag für 31 Todesurteile gegen Juden verantwortlich und 1957 Vorsitzender der CDU-Fraktion im saarländischen Landtag war. Bis zum heutigen Tage ist die Verwicklung der Saar-Politiker, die nach der Volksabstimmung 1955 das Land regierten, in das Nazi-Regime nicht aufgearbeitet. Die Landtagsfraktionen von CDU und FDP/DPS bestanden Anfang der 50er Jahre zu mehr als der Hälfte aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern.

Mittlerweile sind viele Jahre vergangen und es ist leichter die politischen Entscheidungen der damaligen Zeit und das Handeln der Akteure zu beurteilen. Auch wenn aus heutiger Sicht vieles dafür spricht, dass die von Johannes Hoffmann und Richard Kirn befürwortete ‚europäische Lösung‘ dem Saarland ähnliche Entwicklungsmöglichkeiten wie dem benachbarten  Luxemburg eröffnet hätte, so ist die Entscheidung der saarländischen Bevölkerung vor dem historischen, sozialen und kulturellen Hintergrund der damaligen Zeit nachvollziehbar. Unabhängig davon bleibt: Das Saarland kann stolz sein auf Männer wie Johannes Hoffmann und Richard Kirn, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben und nach dem Kriege bereit standen, um den Wiederaufbau unser Landes in Angriff zu nehmen.“